Dienstag, Juni 18, 2019
Hochsensibilität keine heile Welt - Familie

So etwas gehört sich aber nicht (Tabuthemen öffentlich machen)

Diesen Satz habe ich in meiner Kindheit oft gehört.

Achte auf dein Benehmen. Achte auf deine Wortwahl. So etwas gehört sich nicht hier zu besprechen. Was denken dann die anderen? So etwas machen wir nicht. So etwas sagen wir nicht. 

In den letzten zwei Jahren habe ich viel über mich gelernt. Habe vieles erkannt und aufgearbeitet. Ich durfte viele Erfahrungen machen, aber habe ehrlich gesagt immer noch keinen blassen Schimmer davon, wer ich eigentlich bin. Aber ich fühle mich auf dem richtigen Weg.

Ein kleiner Exkurs bevor es so richtig los geht:

Das mit diesem Resonanzgesetz habe ich schon immer sinnig gefunden. Du bekommst was du brauchst. Wobei brauchen hier nicht im Sinne von “was braucht mein Ego jetzt” zu verstehen ist. Sondern oft ist das was wir wirklich brauchen so ganz und gar nicht das, was wir uns in dem Augenblick wünschen. Im Nachhinein betrachtet machen schlimme, traurige Situationen ja oft sehr viel Sinn und wir erkennen, dass es ganz genau so richtig für uns war. Auch wenn wir in dem Augenblick damals absolut vom Gegenteil überzeugt waren.

Danke für euren Mut

Worauf ich aber eigentlich hier in diesem Kontext hinaus will ist, dass ich in den letzten Monaten im Internet, in Zeitschriften, in Büchern und in live Gesprächen so viel über geistige Gesundheit & Krankheit, Entstehung eines Traumas, Depressionen, Angststörungen und Hochsensibilität erfahren habe.

All diese Informationen sind mir oft durch “Zufall” aufgefallen oder ich habe Accounts bei Instagram “gefunden”, die offen und ehrlich über diese Themen sprechen. Das war für mich, besonders als ich das Thema Hochsensibilität Anfang 2017 entdeckt habe, ein riesengroße Erleichterung. Endlich hatte ich das Gefühl nicht mehr alleine zu sein.

Auch das Thema Trauma und alle anderen Bereich in Bezug auf Mental Illness haben mir das Leben erleichtert. Endlich habe ich von anderen Menschen gehört, dass es ihnen ähnlich geht. Endlich war da nicht mehr nur ich alleine und dann halt noch der Rest der Welt. Das hat mir unglaublich gut getan und hat mir geholfen mich zu öffnen. Mutig auszusprechen, dass nicht alles schön und toll und rosarot bei mir ist. Noch ist meine Stimme zwar leise, brüchig und sehr ängstlich, aber mit jeden Tag an dem ich von den Erfahrungen anderer lese oder höre, fühle ich mich wieder mehr in dieser Welt zu Hause.

Warum erkläre ich das jetzt so breit und lang hier?

Ganz einfach. Ich habe gestern einen Blogbeitrag gelesen. Und in diesem erzählte eine Mutter davon wie schwierig ihr Verhältnis mit ihrer Oma ist. Nicht nur schwierig, das wäre untertrieben, sondern ihrem Bericht nach zu urteilen traumatisch und erschreckend.

Sie sprach aus, dass nach langer Zeit des Schweigens und Hinnehmens, um des lieben Frieden willens, sie jetzt den Mut aufbrachte der Welt zu sagen was ihre Oma alles so auf dem Kerbholz hatte. Es ging von emotionaler Gewalt gegenüber allen Familienmitgliedern bis hin zu körperlicher Gewalt gegenüber der eigenen Mutter.  Um es detaillierter zu beschreiben diese Frau (nicht die Autorin) hatte ihre eigene Mutter, die pflegebedürftig und dement war, mit einem Kleiderbügel aus Metall verprügelt.

Und wisst ihr was passiert ist als ich diesen Beitrag las?

Beim Lesen der ersten Sätze erfand ich Mitgefühl, dann ging mein Abgrenzungsmodus durch zu viel Schrecken, Traurigkeit und Wut im Text an und ungefähr in der Mitte des Textes ploppte in meinem Kopf plötzlich der Satz auf:

Sowas gehört sich aber nicht, dass hier in die Öffentlichkeit zu zerren. So etwas sollte man familiär klären.

Und eine Millisekunde darauf schämte ich mich schon dafür so etwas zu denken. Ich tue es immer noch. Dieser tiefe Glaubenssatz, dass man alles alleine oder maximal in der Familie regeln darf. Das andere nicht mitbekommen dürfen, wenn es einem schlecht geht, weil man dann angreifbar und verletzlich ist. Das es sich nicht gehört schwach zu sein. Das ist tief verankert. Und bestimmt nicht nur bei mir.

Ich habe lange über diesen Blogbeitrag und meine Gedanken dazu nachgedacht.

Ich bin heute nur an dem Punkt an dem ich bin, weil andere Menschen so mutig waren und ihre Erfahrungen und ihre vermeintliche Schwäche öffentlich auf diversen Kanälen wie Blogs, Zeitschriften oder Instagram teilen.

Diese Frau, die diesen Beitrag geschrieben und veröffentlich hat, ist eine Heldin!

Sie hat den Mut, den ich noch lange nicht habe. Und wer weiß wie vielen Menschen sie damit hilft, weil sie sich erkennen können. Sich nicht mehr alleine fühlen müssen.

Kein Kind sollte diesen Satz zu hören bekommen

Und ich habe erkannt, dass besonders dieser “das gehört sich nicht” Scheiß aus jeder Kindererziehung verbannt gehört. Es sollte verboten werden so einen Mist von sich geben zu dürfen.  Ja ich denke die meisten Eltern wissen es nicht besser. Denken sich nichts böses dabei, aber wie viele Menschen sind innerlich verzweifelt, weil sie andauernd unter dem Druck dieses Satzes stehen? Die sich zerreißen um das Bild nach Außen von sich aufrecht zu erhalten?

Wie viele Menschen, die wir kennen leiden unter Ängsten?

Stehen kurz vorm Burn out. Sind depressiv?

Und weil es sich halt nicht gehört diese Tabuthemen unserer Gesellschaft zu besprechen, leiden sie alle alleine vor sich hin. Keiner hört ihre stummen Rufe nach Hilfe, weil sie sich nicht trauen damit an die Öffentlichkeit und sei das auch nur ihre Familie zu gehen. Bis einige von ihnen es dann einfach nicht mehr aushalten. Und dann ist es zu spät.

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