Wenn die Großstadt der Seele nicht gut tut

Seit kurzem lebe ich wieder in Hamburg. Ich bin hier geboren, aber nicht aufgewachsen. Meine Eltern sind ganz klischeehaft kurz nach meiner Geburt aufs Land gezogen. Weils in der Stadt ja nichts ist für Kinder. Die brauchen einen Garten zum spielen, grün um sich rum und vor allem saubere Luft.

Nehme ich ihnen das übel?
Ganz und gar nicht! Ich liebe das Landleben. Die Weite, das Grün, die Luft, die schon ganz schön oft nach Gülle stinkt, die Menschen, die sich alle gegenseitig kennen und grüßen. Etwas völlig unvorstellbares hier in der Großstadt. Da ist es schon unhöflich jemanden in die Augen zu schauen beim vorbei gehen.
Grüßen?!
Ein absoluter Affront. Außer natürlich in Restaurants, Bars, Kneipen. Da ist es wiederum das Höchste gegrüßt zu werden. Vom Inhaber, Barchef oder auch Stammgästen. Denn dann heißt es ja DU gehörst dazu. Bist jemand. Bekannt. Nicht einfach nur irgendso ein Tourist oder Gelegenheitsbesucher. Nichts poliert das Ego dieser Großstadtbewohner mehr als wenn andere ihn dabei sehen während er ein JEMAND ist in der Anonymität der Großstadt. Ja ich übertreibe schon ein wenig… aber überspitzt ist es doch echt so.

Und warum wohne ich hier?

Das ist ganz einfach zu beantworten. Der Liebe wegen. Und diesmal wirklich der echten Liebe wegen und nicht aus der Bedürftigkeit, des Gefallen Wollens, des Rollen Spielens heraus. Es gibt noch viele weitere kleine Warums. Aber das ausschlaggebende ist einfach, dass ich ihn liebe. Aus meinem tiefsten Herzen heraus und mit meiner ganzen Seele.

Und lustigerweise habe ich mich eigentlich am letzten Wochenende damit abgefunden hier zu wohnen. Mehr noch ich saß mit meinem Kaffee (stinknormaler Milchkaffee mit stinknormaler Milch. Kein Chai Latte mit Sojamilch und Agavendicksaft zum Süßen oder so ein anderer Hipster Krams) und Freundinnen an der Elbe. Alle waren begeistert von der Aussicht. Und das man alles so nah an der Wohnung hätte. Sie alle wohnen auf dem Land! In schönen Häusern. Eingerichtet wie als würde gleich der Fotograf von Schöner Wohnen um die Ecke kommen. Und wisst ihr ich liebe es! Es wird bei mir zwar niemals so aussehen, aber ich schaue es mir so gerne an.

Da dachte ich so bei selbst warum bin ich eigentlich so negativ?

Ich meine nach nicht mal einem Jahr kenne ich viele hier bei uns in der Straße. Und ich grüße sie auch einfach entgegen der Gepflogenheiten der Großstädter. Wir wohnen in zweiter Reihe zur Elbe, sind umgeben von coolen Hafenkneipen, tollen Restaurants mit großartigen Essen und super lieben Menschen im Service, haben das Glück quasi etwas abseits vom echten Trubel der Großstadt zu sein (außer am Wochenende und im Sommer wenn alle Touristen bei uns einfallen. Ich sag nur Fischmarkt, Digga). Ich muss nicht ins Auto steigen um einen Weltklasse Milchkaffee zu bekommen, ich kann abends ein Bier mehr trinken und brauche trotzdem kein Taxi, unsere Hunde laufen von alleine in die Haifischbar und werden dort mit Currywurst verwöhnt. Hallo das ist doch wohl ziemlich cool.

Wisst ihr mein Liebster nennt mich immer eine Nomadin.

Er sagt ich bin wie eine typische Amerikanerin. Nach aussen hin wirke ich sehr unbeschwert und mein Lieblingssatz “das passt schon irgendwie” bringt ihn oft zur Weißglut. Ich könnte einfach meine wichtigsten Dinge ins Auto packen, die Hunde dazu einsteigen lassen und würde dann woanders wohnen. Innerhalb von ein paar Tagen ist das dann halt mein Zuhause. Ich kann mich überall heimisch fühlen. Weil meine Heimat kein Ort ist, sondern ein Mensch.

Ich bin wie ein Chamäleon, dass sich einfach an seine Umgebung anpasst und wenn man nicht allzu genau hinsieht dann einfach dazu gehört. In meinem Inneren gehöre ich nirgendwo wirklich dazu, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Ich kann mein Umfeld ohne Probleme glauben lassen ich wäre eine von ihnen.

Warum erzähle ich euch das jetzt?

Weil die Großstadt für mich kein Gift ist. Ja sie zehrt an meinen Nerven. Mit ihrer rund um die Uhr Beschallung und der Lichtverschmutzung. Aber hey ich habe Ohropax und ich fahre täglich raus aufs Land zu den Pferden. Ich meditiere einfach und mache ein bisschen Yoga. Also so what. Ich komm damit klar.

Aber mein Liebster für den ist diese Stadt pures Gift. Keins das schnell wirkt. Eines das langsam aber sicher die Seele zerfrisst

Und er steht für einen nicht unerheblichen Teil dieser Großstadtbevölkerung.

Die Lautstärke der Stadt übertönt zuverlässig die eigene innere Stimme. So kommt man ganz leicht ums hinhören drum rum. Rund um die Uhr hat man immer wieder neue Optionen, muss sich niemals wirklich festlegen. Das Angebot ist riesig. An Menschen, Orten, Events. Jemand sagt etwas was dir nicht gefällt? Kein Problem wechselst du halt einfach zur nächsten Bar. So bleibt dir sogar das Schluss machen nahezu erspart. Der ideale Ort für alle Menschen, die den Schein wahren wollen.

Wer will denn schon etwas ansehen müssen was ihm nicht gefällt?

Was die kleine perfekt Fassade, die man sich aufgebaut hat, zerkratzen könnte.  Wer will das schon? Wer möchte schon sein wahres, absolut unperfektes, kaputtes, angekratztes, abgefucktes, aber so wunderschönes Selbst sehen? Wo wir doch alle rund um die Uhr mit perfekten Körpern, perfekten Leben und generell einfach nur einer perfekten Welt beschallt werden. Also fliehen sie. In die Anonymität der Großstadt, die es ihnen erlaubt viele “Freunde” zu haben, aber eigentlich niemanden wirklich an ihr Herz heran zu lassen. Die es ihnen erlaubt niemals die Stimme ihrs Herzens hören zu müssen, weil die Stadt sie einfach und ganz leicht übertönt. Die es ihnen erlaubt aus der Haustür heraus zu treten und sofort mitten im Getümmel zu sein. Nicht denken, nicht sehen, nicht fühlen müssen.

Und wenn sie dann noch einmal gesehen werden.

So wie sie wirklich sind. Dann sind sie wie paralysiert. Wie Rehe im Scheinwerferlicht eines Autos. Geliebt zu werden für das was sie wirklich sind? Unvorstellbar. Tief in ihrem Inneren wünschen sie es sich bestimmt mehr als alles andere auf der Welt. Aber sie haben so große Angst davor nicht gut genug zu sein. Mit ihrem So sein zu enttäuschen, dass sie meisten dann doch lieber den einfachen Weg wählen. Weiter beschallen lassen und keinen an sich ran lassen. Hier in der Großstadt trifft meistens eine Maske die andere. Und sie lügen sich gegenseitig die Hucke voll. Und verstecken sich im Trubel, Jubel und der Heiterkeit.

Aber wenn man dann den Einen trifft?

Den der die Seele zum klingen bringt. Den den man schon ewig und immer zu kennen scheint. Den bei der selbst die unromantische romantisch wird. Was soll man dann tun? Den anderen belehren? Ihm erklären was er macht? Ihn therapieren? Ach alles totaler Bullshit. Man liebt ihn einfach. So wie er ist. Und besonders dann wenn er es am wenigsten verdienen zu scheinen hat. Denn genau dann brauchen er es am meisten. Einfach nur geliebt zu werden.

Aber ist denn auf dem Land plötzlich alles besser?

Das zu behaupten wäre natürlich völliger Humbug. Aber es ist leiser. Es ist ruhiger. Es ist dunkler in der Nacht. Es gibt weniger Ablenkung. Das Besinnen auf einen selbst fällt viel leichter für einen Ungeübten. Natürlich kann man sich auch auf dem Land so leicht ablenken von sich selbst. Kann seine innere Stimme ignorieren. Aber es ist schwieriger, denn sie ist sehr viel lauter, wenn es um dich herum leise ist.

Und du fühlst dich jetzt angepisst von meinen Worten?

Weil das alles doch so gar nicht stimmt. Und Sojamilch-Latte doch nun wirklich kein Hipster Getränk ist und generell ich viel zu sehr verallgemeinere? Mag sein! Aber wenn dich meine Worte antriggern. Dich irgendwie ein wenig pieksen. Na vielleicht ist dann ja auch für dich ein kleines bisschen was Wahres dran?! Ich mein ja nur…

Eine Antwort auf „Wenn die Großstadt der Seele nicht gut tut“

  1. Ich Wohne auch in einem Dorf, zwar etwas größer. Wenn ich am Wochenende in einer Großstadt war, komme ich immer so gerne zurück. Aber aus dem Grund, dass ich hier einfach mit dem Auto fahren kann. Ihr könnt ja später immer noch aufs Land ziehen.

    Schöne Grüße
    Elena

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