Mutter unser

Für die einen sind sie ein Vorbild, die beste Freundin, für wieder andere sind ihre Mütter der Teufel in Person. Für einige die ewige Stimme im Kopf. Für einige die liebende, beschützende Mutter mit aufmunternden Worten, für wieder andere die ständig nörgelnde, abwertende Kritik am eigenen Sein.

Aber immer sind Mütter für ihre Töchter eine ganz besondere Person. Ihr Leben lang. Ob sie nun wollen oder nicht.

Zuerst einmal sind unsere Mütter, diejenigen die uns das Leben geschenkt haben. Sie haben uns ihren Körper geschenkt. Sie haben Unwohlsein & Schmerzen und eine extreme Veränderung ihres eigenen Körpers für uns in Kauf genommen.
Ich selber habe habe noch keine Kinder und kann nur erahnen wie eine Schwangerschaft für eine Frau ist. Aber ich stelle es mir als absolut lebensverändernde Erfahrung vor. Und das eine andere Person für mich ihr Leben verändert hat, macht mich ihr gegenüber dankbar.

Diese besondere Verbindung, die zwischen jeder Tochter und Mutter besteht, kann einfach nicht getrennt werden. So sehr es einige Töchter, aber vielleicht auch Mütter, sich wohl wünschen würden.

Die Beziehung zwischen mir und meiner Mutter ist so ein ganz eigenes Thema für sich. Wenn ihr mich vor zwei Jahren gefragt hättet, ob ich Kinder haben möchte wäre die Antwort ein klares Nein gewesen. Nicht weil ich keine Kinder mag.
Ok ich finde viele Kinder wirklich ziemlich nervig, besonders diese Arschlochkinder heutzutage.
Aber das war gar nicht der Grund. Ich war der festen Überzeugung, dass ich niemals so eine gute Mutter sein könne wie meine Mutter es war. Ich dachte, dass ich niemals meinen Kindern so viel Liebe geben könne wie sie, niemals so aufopfernd sein können wie sie, niemals so selbstlos.

Wie kam ich auf so eine Idee?

Ich bin das älteste Kind von insgesamt acht Kinder. Ja richtig gelesen. ACHT! Meine Eltern entschieden sich als ich drei Jahre alt war ein Pflegekind aufzunehmen.
Mit fünf kam meine leibliche Schwester auf die Welt. Als ich 14 Jahre alt war folgte die nächste Pflegeschwester. Sie war damals vier Jahre alt.  Fünf weitere Pflegekinder kamen in den nächsten Jahren in mein, in unser, Leben. Einer davon verliess allerdings schon nach einem Jahr unsere Familie. Alle anderen wohnen noch zu Hause.
Toll, oder? Was für eine wahnsinnige soziale Leistung meiner Eltern. Kann man etwas anderes tun als dieses Engagement zu bewundern?

Pflegekinder werden, im Gegensatz zu Adoptivkindern, nicht von ihren Müttern freiwillig abgegeben. Pflegekinder müssen zum Wohl des Kindes ihren Müttern weggenommen werden. In den meisten Fällen auf Grund von Vernachlässigung, Gewalt, sexuellen Missbrauch, Drogenkonsum der Mutter oder ähnlich schlimmen Dingen. Diese Kinder hatten also bisher meistens kein wirklich schönes Leben. Kennen oft überhaupt keine Geborgenheit. Sind traumatisiert. Oft mangelernährt. Meistens emotional nicht wirklich auf der Höhe.
Wie denn auch!

So bin ich also aufgewachsen. Als älteste Tochter einer Mutter, die in ihrer eigenen Kindheit nicht viel Liebe bekommen hat und alles anders machen wollte als Ihre Eltern. Die als einzige Schwester mit fünf Brüdern und einem extrem strengen, kriegstraumatiserten Vater lernen musste sich durchzubeißen.
Als Tochter eines Vaters, der als einer der ältesten Brüder einer Familie mit 12 Kindern gelernt hatte, dass er für alles und jeden verantwortlich zu sein hat. Der aber auch wenig Zugang zu seinen Gefühlen hat und das Wort Nein meidet wie der Teufel das Weihwasser.
Und als Schwester von sieben jüngeren Geschwistern, die emotionale, seelische & körperliche Schäden durch ihre leibliche Mutter davon getragen haben.

In meinen Zwanzigern habe ich meine Mutter auf ein Podest gestellt. Sie in den Himmel gehoben für Ihre Aufopferung, ihre Selbstlosigkeit. Sie für unfehlbar und allwissend gehalten.
Und wisst ihr was. Das war reiner Selbstschutz. Ich wollte einfach nicht sehen, dass nicht alles perfekt gewesen war. Ich wollte sagen können ich hatte die beste Kindheit aller Zeiten. Tut mir leid für euch, dass eure Eltern nicht so toll waren. Aber ich habe rein gar nichts zu meckern. Schaut euch doch meine Mutter an. Sie ist wie Mutter Theresa! Ich wollte das nicht aufgeben. Es war meine Identifikation. Meine eigene kleine Welt. Etwas das mir Halt gegeben hat. So wusste ich wer ich bin.

Auf der anderen Seite hatte ich auch permanent ein schlechtes Gewissen. Wie konnte ich es denn schließlich wagen, dass es mir mal schlecht geht?! Mir die alles gehabt hat in Ihrer Kindheit. Ein riesiges Kinderzimmer. Ein Pferd. Einen Hund. Eltern, die da waren. Und auf der anderen Seite meine Pflegegeschwister. Ich hatte ja alles mitbekommen. Die Vernachlässigung. Die blauen Flecken. Die unterernährten kleinen Körper. Die emotionalen Wunden ihrer kleinen Seelen. Hatte sie im Arm gehalten. Ihren Schmerz gespürt nicht mit Liebe im Leben empfangen worden zu sein.
Wie konnte ich es da wagen mich schlecht zu fühlen?

Aber es kam der Tag an dem ich erkannte das ich mich selber belog. Mir etwas vormachte. Das auch ich ein Recht dazu habe zu weinen. Das auch ich verletzlich sein darf.  Das es keine Schwäche ist um Hilfe zu bitten und sie vor allem auch anzunehmen.

Ich erkannte das meine Mutter ja gar nicht nur aus reiner Nächstenliebe gehandelt hatte, sondern aus einem Mangel in ihr heraus. Sie hatte versucht sich die Liebe, die sie bis dato nicht bekommen hatte bei ihren Kindern zu holen. Die Anerkennung, die sich so sehr wünschte, bei der Gesellschaft, die sie für ihre Tätigkeit als Pflegemutter ehrte.
Sie hatte niemals gelernt sich selbst zu lieben für das was sie war. Sie brauchte immer Aufmerksamkeit, Liebe von aussen. Aber es war nie genug. Es musste immer mehr sein. Immer mehr Kinder. Immer mehr Anerkennung. Doch es reichte niemals aus.
Und was war wenn sie nicht bekam was sie brauchte? Dann waren wir nicht richtig. Nicht gut genug. Rückblickend gesehen kann man das wunderbar analysieren, aber als Kind ist man abhängig von der Liebe seiner Mutter.
Versteht mich bitte nicht falsch. Sie hat das nicht absichtlich gemacht. Auch nicht bewusst. Sie hat das gemacht was sie in dem Augenblick für richtig hielt. Aber sie hat aus ihrem inneren Mangel heraus gehandelt.

Im nächsten Schritt erkannte ich, dass ich genauso war. Ich hatte es ja auch gar nicht anders gelernt. Für mich ist damals meine kleine Welt zusammen gebrochen. Nicht nur, dass nichts von dem was ich geglaubt hatte zu sein, von dem was ich dachte zu wissen, wahr war. Nein schlimmer noch. Ich war ein Mensch, der andere benutzte. Andere manipulierte. Ein Mädchen das alles tat, um geliebt zu werden. Also begann ich mein Leben auf den Kopf zu stellen. Alles zu hinterfragen was war und was ist.

Jetzt denke ich, dass ich erst Kinder bekommen möchte, wenn ich sie einfach so lieben kann wie sie sind. Ohne Ansprüche und Bedingungen an sie zu stellen. Ich möchte nicht durch sie meine Vergangenheit verbessern wollen. An ihnen ausleben was ich gerne gehabt hätte. Ich höre immer wieder, dass einige Frauen erst durch ihre Kinder gelernt hätten ihre Mutter besser zu verstehen. Erst durch ihre Kinder in die Selbstliebe gekommen sind. Aber das hieße ja auch, dass ich meine Kinder dazu benutzen müsste. Um an genau diesen Punkt zu kommen.

Also arbeite ich weiter an mir. An meiner Achtsamkeit, meiner Selbstreflexion und vor allem daran aufzuarbeiten. Mich selbst zu heilen. Und wenn es dann soweit ist werde ich es ganz sicher wissen.

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